Berlin, 20. August 2012 (aiz.info). - Die deutsche Regierung erwägt trotz der hohen Getreidepreise zurzeit keine Änderung ihrer Biokraftstoff-Strategie. Das machten Vertreter des Agrar- und des Umweltministeriums am Montag in Berlin deutlich. "Aus unserer Sicht beeinflussen Biokraftstoffe die Agrarpreise in einem eher geringerem Umfang", sagte ein Sprecher von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur Nachrichtenagentur dpa. Beim Preisanstieg von Agrarprodukten spielten zahlreiche Faktoren eine Rolle, vor allem die Ernteausfälle in den USA und anderen Staaten, aber auch die stetig wachsende Bevölkerung, die immer mehr tierisches Eiweiß konsumiere, sagte der Sprecher.
Wie berichtet, hatte der deutsche Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel vergangene Woche einen E10-Produktionsstopp gefordert. Seine Begründung: Der Biosprit trage zum Anstieg der Nahrungsmittelpreise bei und verschärfe das weltweite Hungerproblem. Der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe) wies diese Forderung postwendend scharf zurück. Erstens werde deutsches Bioethanol nicht mit Brotgetreide, sondern mit Industrierüben und Futtergetreide hergestellt, stellt der Verband zum Thema "Teller oder Tank" klar. Zweitens verlaufe die Einführung von E10 weitaus besser als jene des bleifreien Benzins. Und drittens sei Bioethanol ein wichtiger Faktor im Kampf gegen den Klimawandel, gibt der BDBe zu bedenken.
Für den Anbau von Rohstoffen zur Bioethanolerzeugung einschließlich der zahlreichen Kuppelprodukte wie Futtermittel, Biogas und Biodünger seien im Jahr 2011 in Deutschland 240.000 ha genutzt worden. Dies entspreche lediglich 2% der deutschen Ackerfläche, informiert der BDBe.
DBV zu Leopoldina-Studie: Bioenergie umfassend betrachten
Zu heftigen Diskussionen hat Ende Juli in der BRD auch eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zur Nutzung von Bioenergie geführt. In ihrer Stellungnahme kommt die Akademie zu dem Schluss, "dass Bioenergie als nachhaltige Energiequelle für Deutschland heute und in Zukunft keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann".
Diese Aussage weist Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), jetzt in einem Schreiben an die Akademie Leopoldina scharf zurück: "Ihrer Empfehlung, den weiteren Ausbau der Bioenergienutzung zu unterlassen, kann ich nicht zustimmen. Aus unserer Sicht kann die Bioenergie sehr wohl in den einzelnen Segmenten Elektrizität, Wärme und Verkehr einen zwar begrenzten, aber durchaus wachsenden Beitrag leisten, ohne andere Ziele der Ökologie oder der Nahrungsmittelsicherheit in Frage zu stellen", stellt Born fest.
Born, der selbst Mitglied des Bioökonomierates ist, macht gegenüber der Leopoldina deutlich, dass in der arbeitsteiligen Land- und Agrarwirtschaft ein weit verzweigtes Geflecht von Material- und Energieströmen bestehe und deshalb eine einfache Unterteilung in Agrarrohstoffe für die Nahrungsmittelproduktion sowie in Rest- und Abfallstoffe für die Bioenergie die Realität nicht treffe. "Die Koppelproduktion und teilweise Kreislaufproduktion ist die Regel in der Branche. Aus diesem Grund kann ich nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet aus naturwissenschaftlicher Sicht die Rest- und Abfallstoffe in der Bioenergieförderung politisch privilegiert und "normale" nachwachsende Rohstoffe politisch diskriminiert werden sollen", schreibt Born an die Wissenschafter. Das könne nur zu neuerlichen Verzerrungen der Rohstoffmärkte führen, die ihrerseits unerwünschte ökologische Effekte nach sich ziehen würden.
Born machte dies am Beispiel der Treibhausgas-Bilanzierungssysteme für Biokraftstoffe deutlich: So entstehe bei der Biodieselproduktion aus Raps das Koppelprodukt Rapsschrot als wertvolles Eiweißfuttermittel für die Tierhaltung. Dieses werde jedoch in der Treibhausgasbilanz nur nach dem Heizwert - und damit zu gering - bewertet.
Scharf kritisiert Born die Kommunikation der Leopoldina-Empfehlungen gegenüber den Medien. So verdecke schon die Pressemitteilung unter dem Titel "Leopoldina legt kritische Stellungnahme zur Nutzung der Bioenergie vor", dass die Studie eigentlich zu dem Ergebnis kommt, dass Biokraftstoffe langfristig nur schwer zu ersetzen seien. Ausdrücklich empfehle die Studie sogar den Einsatz von Biotreibstoffen für Schwerlastwagen, Flugzeuge und Lastschiffe. Born forderte die Leopoldina in ihrer Funktion als wissenschaftliches Beratungsgremium dazu auf, "auf plakative Überschriften zugunsten einer sachlichen Darstellung zu verzichten". (Schluss) kam
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