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Schweiz: Mengensteuerung bei Milch funktioniert noch immer nicht

Trotz Segmentierung ist Anlieferung so hoch wie nie zuvor

Bern, 11. Juni 2012 (aiz.info). - Am Schweizer Milchmarkt fehlen nach wie vor wirksame Instrumente, um die Anlieferungsmenge zu begrenzen. Die Branchenorganisation Milch (BOM) versucht seit eineinhalb Jahren, die sogenannte Segmentierung durchzusetzen. Dabei soll die Milch je nach Verwendungszweck in A-, B- oder C-Milch gesplittet werden und die Lieferung der tiefpreisigen C-Milch freiwillig sein. Davon erhoffte man sich einen Anreiz, die Milchproduktion zu drosseln. Bisher bleibt dieser Effekt jedoch aus. Das liegt nicht nur daran, dass bis heute nicht einmal die Hälfte der Milch segmentiert ist, sondern auch an der Art, wie die Segmentierung umgesetzt wird. Der Erzeugerpreis gerät dadurch unter Druck, teilt der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) mit.

Aufteilung in drei Segmente zur gezielten Marktsteuerung

Die Segmentierung wurde am 01.01.2011 eingeführt, um - nach Abschaffung der Milchquoten im Jahr 2009 - eine wirksame Marktsteuerung zu schaffen. Im A-Segment finden sich Milchprodukte mit Grenzschutz für den lnlandsmarkt und solche mit Rohstoffpreisausgleich (beispielsweise die Verkäsungszulage). Im B-Segment sind Milchprodukte ohne Grenzschutz oder Rohstoffpreisausgleich für den lnlandsmarkt und den Export in die EU vorgesehen sowie verkäste Milch für besondere Projekte. In das niedrigpreisige C-Segment fallen ausschließlich Molkereierzeugnisse, welche ohne Beihilfe für den Export außerhalb der EU vorgesehen sind, wobei sämtliche Milchbestandteile ausgeführt werden müssen.

Aus C- wird A-Milch

In der Praxis funktioniert das Ganze nicht so wie gewünscht: Zum Beispiel erhalten die Direktlieferanten des Milchverarbeiters Hochdorf für 95% der letztjährig gelieferten Menge den A-Milchpreis und für weitere 7,5% den B-Preis. Sie werden damit ermuntert, stets mindestens 102,5% der letztjährigen Milchmenge zu liefern. Das ist durchaus gewollt, wie Hochdorf-Sprecher Christoph Hug erklärt: "Damit unsere Direktlieferanten Milch zu wettbewerbsfähigen Preisen liefern können, brauchen sie effiziente, kostengünstige Strukturen. Voraussetzung dafür ist Wachstum." Wer noch mehr Milch liefert, bekommt im laufenden Jahr dafür zwar nur den C-Preis. Weil er damit aber seine Jahresliefermenge erhöhen und im nächsten Jahr 95% davon als A-Milch liefern kann, lohnt sich das trotzdem. Umgekehrt wirkt es sich negativ aus, wenn jemand auf die Lieferung von C- oder B-Milch verzichtet, denn damit schrumpft sein jährliches Lieferrecht - und zugleich die Menge im attraktiven A-Preissegment.

Unattraktive Wahlmöglichkeit

Der Verzicht auf C-Milch ist für Mitglieder der Produzentenorganisation Ostschweiz auch nicht gerade attraktiv: Milchkäufer Walter Arnold lässt ihnen neuerdings die Wahl zwischen Mischpreis und Monatskontingent. Wer das ganze Jahr über bereit ist, C-Milch zu liefern, bekommt weiterhin einen Mischpreis ausbezahlt. Er erfährt dann im Nachhinein, wieviel Milch im billigen C-Segment vermarktet wurde. Das Monatskontingent wird dagegen auf der Basis der Milchmenge des Vorjahres berechnet. Es schrumpft also von Jahr zu Jahr, falls auf die Lieferung von C-Milch verzichtet wird. Was der Bauer für seine Milch bekommt, steht damit aber noch nicht fest: Ob und wie viel der A/B-Milchpreis über dem Mischpreis liegt, ist nämlich abhängig von der Marktlage.

Viele Gründe, mehr Milch zu produzieren

Für den einzelnen Bauern gibt es viele Gründe, mehr zu melken. So kann er etwa bestehende Gebäude besser auslasten oder die Fixkosten auf möglichst viel Milch verteilen. Oder er rechnet sich aus, dass er vom gestützten C-Preis profitiert. Ohne Stützung läge der C-Milch-Richtpreis derzeit bei 24 Rappen (umgerechnet 20 Cent) pro Kilo Milch - das ist weniger als die Landwirte in Neuseeland für ihre Milch erhalten. Doch dieser C-Richtpreis wird von der BO Milch künstlich auf 43 Rappen (36 Cent) angehoben. Das ist nur möglich, weil alle Milchbauern einen Rappen "Marktstützungsabgabe" pro kg Anlieferung bezahlen.

Damit ist der gestützte C-Milchpreis zwar immer noch viel zu tief, um die vollen Produktionskosten zu decken. Doch bei einer reinen Grenzkostenbetrachtung geht die Rechnung trotzdem auf, sobald ein Bauer mit einem zusätzlichen Kilo Kraftfutter (Kostenpunkt rund 65 Rappen) eineinhalb Kilo mehr Milch produzieren kann. Abgesehen davon senden auch die Milchkaufverträge falsche Signale aus: Das Bundesamt für Landwirtschaft hat in den letzten beiden Jahren bei der Kontrolle der Verträge festgestellt, dass die Verarbeiter stets mehr Milch unter Vertrag hatten, als die Bauern überhaupt liefern konnten. Merkwürdig ist laut LID nur, dass die Preise trotz dieser ungedeckten Nachfrage laufend sanken.

Auch andere Vertragsvarianten können das Mengenwachstum anheizen, zum Beispiel in den Sommermonaten. Das ist aber das Gegenteil dessen, was man mit der Segmentierung ursprünglich erreichen wollte. Eigentlich müsste die Branchenorganisation Milch die fachgerechte Umsetzung der Segmentierung kontrollieren und - falls nötig - auch Sanktionen aussprechen, wie Niklaus Neuenschwander vom Bundesamt für Landwirtschaft erklärt. Die BOM verfügt aber angeblich nicht über die entsprechenden Informationen. Dennoch glaubt man beim Bundesamt weiterhin an das ABC-Modell. Die Segmentierung sei "grundsätzlich ein sinnvolles Instrument einer auf die Marktsignale ausgerichteten Preis- und Mengensteuerung", wird betont. Die kumulierte Schweizer Milchproduktion war jedenfalls von Jänner bis März 2012 mit 905.121 t um 4,5% höher als in der Vorjahresperiode und um 3,8% höher als im selben Zeitraum 2010. (Schluss) kam



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