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Green Care: Chance zum Diversifizieren, wo statt "Wachsen" das "Weichen" droht

Was Österreich vom Vorbild Niederlande lernen kann - Köstinger: Green Care als wichtigen Teil der Ländlichen Entwicklung fördern

Sittard/Brüssel/Wien, 26. Juni 2012 (aiz.info). - Green Care. Was in Österreich die Landwirtschaftskammer Wien (LK Wien) in Pionierarbeit als ein vollkommen neues Feld beackert, ist in den Niederlanden schon weitverbreitete Praxis: Nämlich, dass Landwirte ihre Produktpalette um eine soziale Komponente erweitern und die Betreuung von Menschen in Verbindung mit Natur und Landwirtschaft in den Bereichen Pädagogik, Therapie, Pflege und soziale Arbeit anbieten. Kürzlich bot die LK Wien heimischen Medienvertretern bei einem Lokalaugenschein in der südholländischen Provinz Limburg Einblick in die vielfältigen Diversifizierungsmöglichkeiten im europäischen "Mutterland" der Green Care, den Niederlanden. Dort hat der Bauernverband LTO nach dem Muster des Bundesverbandes "Urlaub am Bauernhof" eine Trägerorganisation für bereits rund 1.000 zertifizierte Green Care-Betriebe ins Leben gerufen, die sich damit ein zusätzliches Einkommensstandbein schaffen konnten. In Österreich hat sich auf Initiative der LK Wien und der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik die "Interessenplattform Green Care" gebildet, um sich in einer strategischen Kooperation dieser beiden Einrichtungen mit dem LFZ Schönbrunn, dem Kuratorium für Landtechnik (ÖKL) und der Bundesanstalt für Bergbauernfragen zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen, Green Care strategisch zu positionieren und die Interessen gegenüber den Stakeholdern zu vertreten sowie ein entsprechendes Berufsbild zu konzipieren und die Angebote zu koordinieren.

Bundesminister Nikolaus Berlakovich fördert das Green Care-Projekt, er sieht darin neue Produktionsfelder und damit einen wichtigen Schwerpunkt seiner Initiative "Unternehmen Landwirtschaft 2020", die dazu dient, die österreichischen Bauernhöfe zukunftsfit zu machen.

Unterstützung aus EP durch Köstinger: Green Care als wichtigen Teil der Ländlichen Entwicklung fördern

Unterstützung kommt auch von der österreichischen Europaparlamentarierin Elisabeth Köstinger. Anlässlich einer Präsentation des Pilotprojektes im Europaparlament in Brüssel sagte Köstinger, Chefverhandlerin der Europäischen Volkspartei (EVP) für die Reform der Programme zur Ländlichen Entwicklung, heute: "Die sozialen Projekte der Landwirtschaft sollen ein fixer Bestandteil der Ländlichen Entwicklung der EU-Agrarpolitik werden. Die Green Care-Projekte sind ein soziales Vorzeigemodell und können maßgeblich zur Entwicklung des ländlichen Raums beitragen. Dies sollte von der EU durch entsprechende Mittel gefördert werden", so Köstinger.

Green Care: Was Österreich vom Vorbild Niederlande lernen kann

Die niederländische Landwirtschaft gilt als sehr wettbewerbsfähig. Doch können nicht alle Betriebe am dafür notwendigen "Wachsen" teilhaben, und suchen, wenn sie nicht "weichen" wollen, Nischen beziehungsweise Wege, ihr Angebot zu diversifizieren. Dabei zeigte der Lokalaugenschein in den Niederlanden am Beispiel von vier Green Care-Betrieben, dass diese mit ihrem "Sozialangebot" mittlerweile bis zu 80% ihrer Betriebseinkommen erzielen können, und dass dieser Betriebszweig zumeist den Bäuerinnen - oft mit dem Hintergrund eines Sozial- oder Pflegeberufes - es erlaubt, das Auskommen am eigenen Hof zu erwirtschaften. Denn im Qualitätssicherungssystem der LTO ist neben einer Zertifizierung der Betriebsgebäude auch ein entsprechend ausgebildetes Personal - etwa mit der dreijährigen Ausbildung in Sozialpädagogik - Voraussetzung, um die Plakette eines Green Care-Betriebes führen zu dürfen. Darüber hinaus ist ein tägliches Pflegebuch zu führen, jährlich ein Bericht an die Zertifizierungsstelle abzuliefern und findet alle drei Jahre ein Audit durch externe Prüfer statt.

Nicole Prop, die Projektleiterin in der LK Wien, sieht auch in Österreich Green Care als Chance für kleinere Betriebe, ihre Einkommensstandbeine zu diversifizieren, wobei sich vor allem Höfe anbieten, wo ein Familienmitglied von der Ausbildung her einen Bezug zu Pflege oder Pädagogik mitbringt. LK Wien-Direktor Robert Fitzthum wünscht sich wiederum, dass Green Care in Österreich als soziale beziehungsweise Pflegemaßnahen anerkannt werde, um so Green Care-Leistungen aus den entsprechenden öffentlichen Töpfen finanzieren zu können. Besonders angetan zeigt er sich auch vom niederländischen Vorbild der personengebundenen Budgets (PGB) in der Pflege.

Germa Dings: Wichtig, dass wir keinen Schaubauernhof betreiben

So schildert etwa Germa Dings, die selbst aus dem Pflegeberuf kommt, dass sie vor 15 Jahren auf ihrem denkmalgeschützten Milchviehbetrieb mit Schafen und Pferden begonnen hätte, tagsüber zwei bis drei geistig behinderte Menschen auf dem Asselterhof aufzunehmen. Nunmehr betreut sie mit weiteren zwei diplomierten Kräften, Praktikanten und ehrenamtlicher Unterstützung 21 Klienten, die am Morgen auf den Hof kommen, tagsüber mitarbeiten und am Abend wieder heimgehen. Wichtig, so Dings, sei, dass sie einen aktiven und keinen "Schaubauernhof" betreiben, wobei die Landwirtschaft zwar nicht im Vordergrund steht, die Einbindung der behinderten Klienten in den Tagesablauf aber therapeutisch wichtig sei und auch der Umgang mit den Tieren sehr positive Wirkungen zeige. Die Klienten werden - auf freiwilliger Basis - von Sozialträgereinrichtungen, mit denen Dings auch die Tagsätze von EUR 48,- verrechnet, geschickt. Wie oft die Klienten, diese wohnen entweder bei ihren Familien oder betreut, auf den Green Care-Hof kommen dürfen, hängt von ihrem Pflegebedarf ab, der alle drei Jahre ermittelt wird. Im Durchschnitt kommen die Klienten schon zehn Jahre auf den Asselterhof und fühlen sich wohl und, so Dings, "wollen nicht mehr weg".

Familie Boonen: Kleinbetrieb erhalten - aus Verkauf der Güllerechte in Green Care investiert

Zehn bis zwölf ältere Personen mit zusätzlichen Indikationen wie Demenz, Parkinson oder Alzheimer betreut Carien Boonen seit 2008 täglich auf dem Hof "Kloster Keysersbosch", den sie mit ihrem Mann Thijs betreibt. Hier wird besonders klar: Den 20 ha großen Ackerbaubetrieb gäbe es ohne das zusätzliche Sozialangebot heute entweder nicht mehr, oder beide Bauersleute müssten einem anderen, auswärtigen Job nachgehen. Bis 2008 hielten die Boonens noch Schweine, diese gaben sie aber 2008 weg, und aus dem Verkauf der an die Ackerfläche gebundenen Güllerechte konnten sie einen Gutteil der 200.000-Euro-Investition in die Green Care-gerechte Adaption des ebenfalls denkmalgeschützten Hofes bestreiten. Förderung gab es nicht. Heutzutage baut Thijs Boonen nur mehr Mais, Getreide und Erdäpfel an, womit er 20% zum Betriebseinkommen beiträgt. 80% macht seine Frau mit der Betreuung der älteren Menschen. EUR 50,- Taggeld erhält sie und zusätzlich EUR 12,- für den Transport, den die Familie mit Helfern bis in einen Umkreis von 20 km selbst besorgt. Die Klienten werden von zwei Sozialträgern auf Basis von Jahreskontrakten vermittelt oder sie kommen direkt. Denn die Niederlande kennen beim Pflegegeld das sogenannte PGB, das personengebundene Budget. Das heißt, ein pflegebedürftiger Mensch erhält je nach Bedarf direkt Geld und kann damit selbst entscheiden, wo er welche Pflegeleistungen "einkauft".

Ihre Motivation: "Ich war mobile Pflegerin. Eine halbe Stunde pro Klienten hat mir wehgetan, ich wollte mehr Zeit für die Senioren aufbringen können", so Carien Boonen. Besonders wichtig für die Senioren ist in ihrem Tagesablauf das gemeinsame Kochen, sie helfen aber auch etwas im Garten, beim Holzschneiden oder sitzen einfach in geselliger Runde zusammen. Denn Ziel ist es, den Senioren soziale Kontakte und Bewegung zu ermöglichen, und weiters ihre Familien zu entlasten.

In großem Stil: 500.000 kg-Milchbetrieb finanziert Green Care-Einstieg - heute finanziert Green Care neuen Melkroboter

In großem Stil für 160 Klienten pro Monat bietet mittlerweile das Ehepaar Mieke und Peter Venner - sie Pädagogin, er Landwirt - auf seinem aktiven Milchbetrieb mit 500.000 kg Quote Green Care für Jugendliche mit Problemen wie Hyperaktivität oder Autismus an. Auch hier war aller Anfang klein - 2006 begann Mieke privat mit der Betreuung eines Klienten. Sie war 2004 durch einen Zeitungsbericht über pflegebedürftige Jugendliche, die sich mangels Betreuung auf die Straßen verirrt hatten, auf die Problematik und den Bedarf aufmerksam geworden. Nach wenigen Monaten hatte sie bereits acht Klienten und durch Werbung und einen Tag der offenen Tür 2007, an dem 1.000 Interessenten kamen, wurde der Betrieb bald professionalisiert. Nunmehr beschäftigt Mieke Venner 25 Mitarbeiter im Ausmaß von zehn Fulltime-Jobs - zumeist universitär ausgebildete Pädagogen. In die Betreuungseinrichtungen musste mit EUR 700.000,- bis 800.000,- groß investiert werden. Auch hier gab es keine Förderung, die Banken ließen sich aber mit guten Konzepten überzeugen. "Pro Euro an PGB, den wir erhalten, wurden EUR 1,50 investiert", so Mieke. Und ihr Mann merkt an: bei 30 Cent Milchgeld inklusive 6% USt. könne heute in den Niederlanden selbst ein Milchbetrieb mit 500.000 t Quote nicht im Vollerwerb leben. Früher habe man aber gut verdient und so habe ursprünglich das Geld aus der Landwirtschaft den Aufbau des Green Care-Geschäftszweiges finanziert. Und heute ist es schon umgekehrt: Jetzt soll der Melkroboter, der ganz oben auf der Wunschliste von Peter Venner steht, aus den Erträgen von Green Care angeschafft werden. Als Motiv für den Einstieg in Green Care nennen die Venners auch, sie wollten den Betrieb weiterführen können und zusätzlich am Betrieb etwas aufbauen, was die Frau als gelernte Pädagogin selber machen kann.

Landwirtschaft und Green Care werden als ein Betrieb geführt; in den Niederlanden ist die Pflege nicht umsatzsteuerpflichtig, die Landwirtschaft dagegen schon. Übrigens ist der Betrieb der Venners - seit der nunmehr 25-jährige Sohn nach dem Betriebswirtschaftsstudium ebenfalls eingestiegen ist und sich die Expansion rapide beschleunigt hat - mittlerweile der einzige in Limburg, der selbst als Sozialträger anerkannt ist. Der Vorteil: Es müssen von den PGBs der Klienten nicht die Kosten für Overheads anderer Sozialträger bezahlt werde, sondern verbleiben direkt am Betrieb. "Green Care ist billiger", so Mieke Venner.

Die Klienten kommen je nach Problem und zur Verfügung stehendem Pflegegeld zwischen einmal monatlich und zwei- bis dreimal pro Woche. Sie versorgen dabei die Tiere, helfen im Garten oder lernen. Seit einem Jahr kommt auch Tiertherapie dazu. Die Venners bieten neben der üblichen Tagesbetreuung auch ein betreutes Wohnen, "Logieren" genannt, zur Familienentlastung etwa bei akuten Konfliktfällen in Familien oder an Wochenenden oder bei Urlauben an. Die Klienten kommen aus 22 Gemeinden der Region Limburg. Dabei erwiesen sich die in den Niederlanden personengebundenen Budgets (PGB) ebenfalls als Vorteil, denn würden sie von Gebietskörperschaften wie den Gemeinden vergeben, "müssten wir mit 22 Gemeinden verhandeln", so Mieke Venner.

Der andere Weg: Green Care-Trägerorganisation steigt in die Landwirtschaft ein

Was Green Care auch sein kann, zeigt der Ophovenerhof im urbanen Sittard. Auf den damit verbundenen 4 ha Landwirtschaft spielt die Produktion nur eine untergeordnete Rolle. Der Ophovenerhof ist damit das Beispiel für eine Art von Green Care, bei der vom Landwirt quasi nur die Infrastruktur Bauernhof bereitgestellt wird und wo der Betrieb von einer Sozialeinrichtung geführt wird. "Der Unterschied zu den ersten drei Betrieben ist, dass hier Green Care in die Landwirtschaft eingestiegen ist", beschreibt Manager Bert Ramakers diese Form. Der von einer Stiftung von der Gemeinde gepachtete historische Gutshof mitten in der Stadt betreut mit 14 pädagogisch ausgebildeten Pflegern 40 bis 50 geistig Behinderte im Alter von 16 bis 72. Vor 20 Jahren fand sich auf private Initiative eine Gruppe mit den öffentlichen Pflegeeinrichtungen unzufriedener Bürger zusammen, gründete die Stiftung und mietete den Hof für ihr Green Care-Projekt an. Er bietet Tagesbetreuung und zur Familienentlastung Freizeit-, Wochenend- und Urlaubsprogramme. Seit einem Jahr gibt es auch rund um die Uhr betreutes Wohnen. 90% der Klienten sind PGB-Bezieher, nur 10% werden von Sozialträgern geschickt. Die Kosten: Für die Tagesinfrastruktur täglich EUR 70,-, also EUR 1.400,- pro Monat, und für das betreute Wohnen je nach Betreuungsaufwand von EUR 2.000,- bis maximal EUR 3.500,-.

Der Tagesablauf ist von fünf Aktivitäten - Arbeit im Garten, im Kinderbauernhof mit Streichelzoo, in der Bäckerei, im Bio-Hofladen sowie Wohnraumpflege - bestimmt. "Wichtig ist", so Ramakers, "dass die Klienten arbeiten und Kontakt mit Natur, Tieren und Pflanzen haben sowie die Inklusion, nämlich Teil der Gesellschaft zu sein, wenn die Menschen auf den Hof in den Bio-Laden oder das Kaffee kommen, weil es hier so gut schmeckt." (Schluss) pos



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