Wien, 8. Februar 2010 (aiz.info). - An der Universität Wien wurde heute die Wintertagung 2010 des Ökosozialen Forums eröffnet, sie steht unter dem Generalthema "Chancen nutzen. Wie kann sich der österreichische Agrarsektor erfolgreich positionieren?". Zum Auftakt wurden von Experten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die stark von der Finanzkrise beeinflusst werden, dargestellt. Im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion standen dann die Lebensmittelpreise und die Erkenntnis, dass forcierte Beratung der bäuerlichen Betriebe und weitere strategische Kooperationen zwischen Bauern, Verarbeitern und Handel unabdingbar sind.
Vonseiten der bäuerlichen Interessenvertretung begrüßte LK Ö-Präsident Gerhard Wlodkowski die Ankündigung des Landwirtschaftsministers, ein neues Bildungs- und Beratungspaket, das in enger Kooperation mit den Landwirtschaftskammern umgesetzt werden wird, zu schnüren. "Dieses Paket wird das vorhandene Angebot verbreitern und eine Professionalisierung für alle bäuerlichen Betriebsformen möglich machen. Sowohl für die klassischen Produktionssparten wie Milch, Vieh oder Getreide als auch für die Energieproduktion, die Direktvermarktung, den Landtourismus oder die Erzeugung von Spezialitäten soll ein maßgeschneidertes Bildungs- und Beratungsangebot bereitstehen. Auf diese Weise können alle Bauern ihre Höfe strategisch weiterentwickeln und die Chancen auf den Märkten optimal wahrnehmen", erklärte Wlodkowski. Die Ergebnisse der Produktions-Arbeitskreise und der Buchführung sollten in die Bildungs- und Beratungsarbeit voll und ganz einfließen. Begleitet werden sollte diese Arbeit auch in der kommenden EU-Budgetperiode 2014 bis 2020 durch entsprechende Programme im Rahmen der Ländlichen Entwicklung.
Wettbewerbsfähigkeit stärken und Wertschöpfung erhöhen
Um für den härteren Wettbewerb gerüstet zu sein, seien auch in den kommenden Jahren in der Landwirtschaft große Anstrengungen zur Produktivitätssteigerung und Effizienzverbesserung notwendig. "Angestrebt werden dabei eine Kostensenkung und ein effizienter Technikeinsatz mit einer gleichzeitigen Verbesserung der Betriebsorganisation. Überbetriebliche Zusammenarbeit hilft wesentlich mit, die Produktionskosten zu senken und die Marktposition zu verbessern. Darüber hinaus sind die horizontalen und vertikalen Kooperationen zwischen Bauern beziehungsweise mit der Wirtschaft zu forcieren", so Wlodkowski. Die Zusammenarbeit auf der Angebotsseite sei auch hinsichtlich der enormen Konzentration im Lebensmittelhandel wichtig. Schleuderpreis-Aktionen seien eine Wertevernichtung und würden daher abgelehnt. Die Verarbeitung sei konsequent auszubauen, "denn der Verkauf beziehungsweise Export von Rohstoffen kann keine entsprechende Wertschöpfung garantieren", so der Präsident.
Vonseiten der EU wünsche er sich ein schnelleres Reagieren bei Marktkrisen, wie etwa im Milchbereich, sowie eine konsequente Anwendung der vorhandenen Instrumente wie etwa der Intervention.
Chance Ökoenergie nutzen
Eine große Zukunftschance sieht Wlodkowski im Bereich Ökoenergie: "Rohstoffe aus Biomasse bieten eine Vielzahl neuer Möglichkeiten für Bauern und Wirtschaft. Sie bringen nicht nur mehr regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze, sie bieten den Konsumenten Versorgungssicherheit und mehr Unabhängigkeit vom Ausland. Sie setzen auch Technologieimpulse und entlasten die Treibhausgas-Bilanz", verwies der Präsident auf die zahlreichen Vorteile.
Energisch sprach sich Wlodkowski gegen eine Zerschlagung oder Renationalisierung der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik aus. An den grundlegenden Eckpfeilern der GAP dürfe nicht gerüttelt werden. "Wir benötigen weiterhin eine sichere und ausreichend dotierte erste Säule samt Betriebsprämien und Marktordnungsinstrumenten wie Mengenregelung, Einlagerung oder Exportunterstützung und eine zweite Säule für die Abgeltung der nicht marktfähigen Leistungen für die Gesellschaft und zur Unterstützung von Innovationen und Investitionen", unterstrich Wlodkowski.
Wirtschaftskammer unterstützt Lebensmittelexporteure
"Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat auch in der Lebensmittelwirtschaft ihre Spuren hinterlassen. Im Vergleich zu anderen Branchen ist sie aber weniger stark betroffen und hat teilweise sogar konjunkturstabilisierend gewirkt", betonte die Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, Anna Maria Hochhauser. Während in Österreich im ersten Halbjahr 2009 das Produktionsvolumen der Industrie um fast 20% einbrach, war der Rückgang in der Lebensmittelindustrie mit 4,5% geringer und primär in sinkenden Rohstoffpreisen begründet. "Österreichs Agrar- und Lebensmittelausfuhren lagen 2009 laut vorläufigen Berechnungen bei rund EUR 7,1 Mrd., was im Vergleich zu 2008 einem wertmäßigen Rückgang um 10,9% entspricht. Das Minus fällt damit nur halb so hoch aus wie bei den Gesamtexporten", informierte Hochhauser.
Zur Diskussion über die Lebensmittelpreise erklärte die Generalsekretärin, sie wehre sich gegen Versuche, jemandem die Rolle des Sündenbocks zuzuweisen. Auch die Nahrungsmittelindustrie kämpfe mit steigenden Kosten. Vielmehr sollten die Sozialpartner künftig mehr gemeinsam auftreten und sich ihrer Stärken besinnen. Aus ihrer Sicht seien Innovation, Kooperation und Qualität die drei Erfolgsfaktoren der Branche.
Auf den Auslandsmärkten sieht Hochhauser weiterhin gute Absatzmöglichkeiten, hier gelte es, rechtzeitig und mit maßgeschneiderten Maßnahmen zu handeln. Die WKÖ bietet mit ihrem weltweiten Netz an Außenhandelsstellen Firmen, die Nahrungsmittel exportieren, zielgerichtet Unterstützung. So wurden 2009 für die Branche in 32 Ländern der Welt 143 Veranstaltungen angeboten. Für heuer sind insgesamt 140 Termine im Bereich Nahrungsmittel geplant, geografisch wird der Schwerpunkt auf Europa und Österreichs wichtigste Handelspartner wie Deutschland gelegt. "Echte Hoffnungsmärkte sehen wir zudem in den USA, in Russland und in Asien", betont Hochhauser.
Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel übte bei der Podiumsdiskussion Kritik an Spekulationen auf den Lebensmittelmärkten und sprach sich für ein besseres Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aus. Konsumentenpreise würden relativ schnell steigen - manchmal schneller als die Erzeugerpreise - und eher langsam sinken, meinte Tumpel. In der Krise greife der Konsument eher zu billigen Lebensmitteln, langfristig sehe er aber auch Chancen, "dass Qualität einen entsprechenden Preise hat".
Fischler: Zusammenarbeit statt Sparten-Egoismus
"Wir brauchen ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Strategien und eine Bündelung aller Kräfte in Österreich, damit die Landwirtschaft überlebens- und zukunftsfähig wird", betont der frühere EU-Agrarkommissar und Präsident des Ökosozialen Forums, Franz Fischler, als Diskussionsleiter bei der Wintertagung. In einer verstärkten Zusammenarbeit innerhalb der Lebensmittel-Wertschöpfungsketten und einer stärkeren Bindung zu den Konsumenten sieht Fischler einen Weg, um die brisante Einkommenssituation in der Landwirtschaft wieder zu verbessern. "Die Kennzeichnung der Lebensmittel müsse klarer und einfacher werden", forderte er.
"Landwirte müssen heutzutage Unternehmer, Krisen- und Risikomanager sowie Kommunikatoren sein. Mit dem Fachtag "Unternehmen Bauernhof", den es heuer zum zweiten Mal im Rahmen der Wintertagung gibt, will das Ökosoziale Forum einen Beitrag zur Bewältigung neuer Herausforderungen leisten", erklärte Fischler. Mit insgesamt sieben Fachtagen zu verschiedenen landwirtschaftlichen Fragestellungen biete die Wintertagung diese Woche ein breites Spektrum an Vorträgen und die Möglichkeit zur Diskussion mit Fachleuten. (Schluss) kam
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Wintertagung 2010: Agrarpolitik diskutiert Zukunftschancen und Marktentwicklungen
Wlodkowski: Neues Bildungs- und Beratungspaket wird begrüßt
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